Komm, wir häkeln uns ein Korallenriff

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Häkeln für die Umwelt
 
 
Angefangen hatte alles vor sieben Jahren in Los Angeles. Die Idee der Zwillinge Margaret und Christine Wertheim war es, die Schönheit der Unterwasserwelt darzustellen und gleichzeitig darauf aufmerksam zu machen, wie bedroht sie ist durch Klimaveränderung, Übersäuerung und Verschmutzung der Ozeane.
Entstanden ist ein mittlerweile weltweit laufendes Kunstprojekt mit Ausstellungen in Washington und New York.
Und um welche Kunst geht es? Um gehäkelte Korallen! Nächtelang häkeln die Landfrauen durch und sie sind nicht allein — weltweit gibt es über 5000 Häkelbegeisterte, die an mittlerweile 20 Korallenriffen arbeiten. Und das ist gar nicht so einfach. Welche Wolle nehme ich, wieviele Maschen brauche ich – Gabriela von Hollen-Heindorff weiß ein Lied davon zu singen: „Wenn sie sich hier angucken, bei der Hirnkoralle, sie glauben gar nicht, wie groß und umfangreich hier die letzte Reihe ist. Was sie begonnen haben mit 20 oder 30 Luftmaschen, endet zum Schluss mit 1000, 1020 Maschen, die sie alle Häkeln müssen!“Wenn diese Häkelbegeisterung so weitergeht könnte das Riff zur Ausstellungseröffnung am 10. Juni — Weltmeerdimensionen erreichen: Im Museum Kunst der Westküste auf der Insel Föhr!
 
 
 
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… Die Idee stammt ursprünglich aus den USA, wo eine Mathematikerin den geometrischen Begriff ‘hyperbolische Räume’ mit Hilfe von gehäkelten Korallen besser erklären und verbildlichen konnte. Einige Jahre später griffen die Schwestern Margaret und Christine Wertheim diese Idee auf und haben inzwischen 15 Korallenriffe in den USA, Australien und Europa initiiert. So auch jetzt für die Insel Föhr! Mit Ihrer Aktion möchten sie nicht nur die Mathematik fassbar machen, sondern auch die Kunst des Häkelns, die Natur und das Ökosystem verknüpfen.
 
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Mit Wolle gegen Bleiche

 

Zwar strahlen sie ebenso bunt wie ihre Kollegen aus dem Meer, es dürfte jedoch das erste Mal in der Evolutionsgeschichte sein, dass Korallen aus gehäkelter Wolle ein Riff bilden. Für das „Föhr Reef“, noch bis zum 16. September im Museum Kunst der Westküste zu sehen, verhäkelten 700 Ehrenamtliche hunderte Kilo Wolle zu einem Riff von der Größe eines kleinen Apartments. Nach mathematisch-naturwissenschaftlichen Prinzipien gestaltet, ist es Teil des internationalen Kunstprojekts „The Hyperbolic Crochet Coral Reef“, ins Leben gerufen von den australischen Zwillingsschwestern Christine und Margaret Wertheim. Die Fäden ziehen sich dabei durch ganz Europa, mit Wolle aus Deutschland, Dänemark und den Niederlanden, aber auch aus der Schweiz, Österreich und Luxemburg. Trotz seines überwältigenden (Tiefen-)Eindrucks bleibt das „Föhr Reef“ ein Modell: Weder bietet es Lebensraum für Tiere, noch schützt es die Küste vor Sturmfluten. Es möchte aber auf die tragische Korallenbleiche aufmerksam machen – ein Effekt, der eintritt, wenn die Mikroorganismen verenden, mit denen die Koralle in Symbiose steht. Die Ursachen liegen in der Umweltverschmutzung, dem Temperaturanstieg und der Übersäuerung der Ozeane. Die Folge: Auch die Korallen sterben ab. Das wollige Föhr-Riff wird den Klimawandel vermutlich überleben, aber ob seine Botschaft nach so vielen gescheiterten Klimazielen in Politik und Gesellschaft ankommt? Unsere Enkel werden es wissen …

The Hyperbolic Crochet Coral Reef – The Föhr Reef
Museum Kunst der Westküste auf der Insel Föhr, bis 16.9.2012
www.mkdw.de
www.crochetcoralreef.org

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http://www.abendblatt.de/kultur-live/article2315392/Komm-wir-haekeln-uns-ein-Korallenriff.html

Komm, wir häkeln uns ein Korallenriff

Eine Ausstellung im Museum Kunst der Westküste ist der Wolle gewordene Beweis für die Schönheit der Natur. 700 Menschen haben mitgewirkt.

Alkersum. „Hyperbolisches Häkeln“, das klingt wie die K.-o.-Vokabel aus einer 500 000-Euro-Frage, mit der Günther Jauch selbst die schlimmsten Schlaumeier reinlegen kann, weil niemand glauben würde, dass es so etwas gibt. Gibt es aber: als faszinierende, liebenswürdig versponnene Schnittmenge aus hochtouriger Mathematik und beschaulichem Kunsthandwerk.

Vor 15 Jahren hatte die Mathematikerin Daina Taimina entdeckt, dass Häkeln sich bestens dafür eignet, hyperbolische Geometrie buchstäblich anschaulich und damit begreifbarer zu machen. Um unbedarftere Hirne mit hyperbolischer Geometrie ins Trudeln zu bringen, genügt schon unvorsichtiges Hineinspazieren in den nicht euklidischen Raum; dort benehmen sich Ebenen wohl sonderbarer, als man es von ihnen gewohnt ist, sagt man. Dort krümmen sich Räume in sich selbst und dehnen sich weiter dabei aus, sagt man. Wer partout möchte, kann auch noch in der Struktur von Ananas-Schalen Fibonacci-Zahlenreihen entdecken und sich darauf einen Reim machen, heißt es.

Der Wolle gewordene Beleg für solche Thesen lässt sich nun in einem kleinen, feinen Museum auf der Nordsee-Insel Föhr besichtigen.

Dort, im Museum Kunst der Westküste, hat sich ein raumfüllendes Korallenriff materialisiert, virtuos hyperbolisch gehäkelt, wie wild wuchernd, nach dem Spektralfarbenverlauf durchsortiert. Die Natur benötigt für die Arbeit an solchen Groß-Installationen Jahrtausende (Menschen schaffen es, sie in wenigen Jahrzehnten zu zerstören), aber hier waren monatelang rund 700 Mitwirkende am Werk. Das „Föhr Reef“ – über 30 Quadratmeter, mehr als 400 Kilogramm Wolle, etwa 5000 Arbeitsstunden – ist das erste seiner Art in Deutschland. Es ist Teil des globalen Wollnetzwerks „The Hyperbolic Crochet Coral Reef“, in wöchentlichen Häkelsitzungen von Föhrer Landfrauen und in süddänischen Strick-Cafés erstellt, um die zufällige Schönheit der Natur und der hochkomplexen Zahlenkonstrukte in ihrem Bauplan für Korallen vor Augen zu führen. Eine mahnende Erinnerung auch an die Verwundbarkeit ökologischer Systeme.

Urheberinnen der maritimen Kunstlandschaft auf dem Trockenen, an der sich Mithäkler aus ganz Deutschland beteiligten, waren die Zwillingsschwestern Margaret und Christine Wertheim, die eine Physikerin, die andere Künstlerin. Modell für die Idee stand das Great Barrier Reef vor der Küste ihrer Heimat Australien. 2003 gründeten die Wertheims in ihrem Wohnzimmer in Los Angeles ein Institute for Figuring, das seitdem mit Museen und Häkel-Fans in aller Welt kooperiert, um die Poesie von Zahlen zu verhäkeln. Sie liefern Häkelanleitungen für die kollektive Kunstproduktion und sorgen für Helfer, wenn es an die Inszenierung der Hirn-, Nelken- und Säulenkorallen aus Mohair, Angora und anderen Wollsorten geht. Auf Föhr hat dieser Abschluss der Schöpfungsphase drei Wochen gedauert, penibel dokumentiert, damit das Häkel-Riff im Oktober bei seiner nächsten Museums-Station im dänischen Tondern originalgetreu auferstehen kann.

Nachdem die erste Verblüffung über den Anblick dieses kunterbunten Woll-Walls abgeklungen ist, meldet sich kindliche Freude im Gemüt, beglückt vom Ausmaß der sympathischen, leicht subversiven Verschrobenheit, die hier dem Anspruch an museumswürdige Kunst ein Bein stellt.

Die gute alte Handarbeit, früher ohne Wenn und Aber als trutschig verschrien, ist längst hip geworden. Webdesignerinnen hinterlassen niedliche Strickprodukte an Denkmälern in Berlin und Hamburg, als ob man sich mit einem verschenkten Mützchen oder Pulswärmer für losgetretene Gentrifizierungsprozesse in Szenevierteln entschuldigen könnte. Kleingärtnern ist keine kleinbürgerliche Kulturverweigerung mehr, sondern geradezu Pflicht für Designer-Eltern, um bei einem laktosefreien Latte ironiefrei und beseelt über Natur-Romantik 2.0 mitreden zu können.

Nun also offenbar auch: Häkeln. Allerdings wohl nirgendwo so ästhetisch und berauschend schön umgesetzt wie in Alkersum. An Detailverliebtheit wurde beim Föhr Reef nicht gespart, der sich kräuselnde, wuchernde Farben- und Formenreichtum ist nicht weniger als bezaubernd. Jeden Moment, denkt man sich, könnte es ein Ende haben mit der fast sakralen Ruhe und das Ganze entpuppt sich doch als „Muppet Show“-Kulisse, in der ein Chor aus psychedelisch gefärbten Topflappen den Beatles-Klassiker „Octopus’s Garden“ krakeelt. Aber die Korallen stehen still und schweigen, würdevoll, wie es sich für Korallen gehört.

Hier und da haben die Kunst-Häkler Grotten ins Ensemble eingefügt, in denen kleinere Woll-Geschöpfe blühen. Besonders Mutige seien auch mal von den Häkel-Anweisungen abgewichen, berichtet Museumsdirektor Thorsten Sadowsky; sie seien neugierig gewesen, ob sie dem Zahlen-Schicksal durch die eine oder andere Masche mehr nicht neue, noch etwas hyperbolischere Resultate abluchsen könnten.

Nervenstarke Mathematiker haben beim Umgang mit hyperbolischen Räumen überfordert kapituliert.

Die Natur hingegen hat nicht groß nachgedacht, sie hat einfach losgelegt und formvollendet hyperbolische Strukturen entworfen.

Korallen beispielsweise. Einfach so und immer wieder anders. Vielleicht ist all das nur ein Rechenexempel, um zahlenbesessenen Nerds ein Lächeln unter die Hornbrillen zu zaubern. Vielleicht aber auch ein kleiner, raffiniert chiffrierter Gottesbeweis.

http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2010-07/kaltwasser-korallen-umwelt

 

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Anleitung für gehäkelte hyperbolische Korallen:
 

 

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