Psychopathen (u.a. Stellungnahmen von Castaneda und Gurdjieff)

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‚Liebenswürdig‘, ‚charmant‘, ‚intelligent‘, ‚aufmerksam‘, ‚imponierend‘, ‚vertrauenserweckend‘ und ‚Frauenschwarm‘: so beschreibt Cleckley in seinen berühmten Fallstudien wiederholt die Psychopathen. Offenbar besitzen Psychopathen trotz ihrer eindeutig ‚unverantwortlichen‘ und ’selbstzerstörerischen‘ Handlungsweisen auch jene Charakterzüge im Überfluss, die den meisten normalen Menschen erstrebenswert erscheinen. Diese glatte Selbstsicherheit ist für normale Menschen, die oft Bücher über Selbsthilfe lesen oder einen Therapeuten zuziehen müssen, um in ihrer Umgebung überhaupt problemlos funktionieren zu können, ein nahezu übernatürlicher Magnet. Im Gegensatz dazu hat der Psychopath niemals Neurosen, keine Selbstzweifel und keine Angst – er ist so, wie ‚gewöhnliche‘ Menschen sein wollen. Darüber hinaus ziehen sie die Damenwelt an, selbst dann, wenn sie unattraktiv sind.
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Die grundlegende Annahme, dass die Wahrheit zwischen den Standpunkten der beiden Seiten liegt, verschafft immer der lügenden Seite einen Vorteil und der wahrheitsgetreuen Seite immer einen Nachteil. Meistens wird zusätzlich zur Lüge die Wahrheit zum Schaden der unschuldigen Person noch weiter verdreht. Der Vorteil liegt auf diese Weise immer in den Händen von Lügnern – von Psychopathen. Sogar der simple Akt einer Aussage unter Eid ist eine sinnlose Farce. Wenn jemand ein Lügner ist, dann hat ein Eid auf ihn keine Wirkung. Ein Eid wirkt jedoch auf einen seriösen, wahrheitsgetreuen Menschen sehr stark. Und wiederum liegt der Vorteil auf der Seite des Lügners. [Robert Canup]
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Kurzum: der Psychopath ist ein Räuber. Wenn wir daran denken, wie die Räuber im Tierreich mit ihren Opfern umgehen, können wir uns vorstellen, was hinter dieser ‚Maske der Vernunft‘ des Psychopathen steht. So wie ein Raubtier alle möglichen Varianten des Anschleichens und Tarnens beherrscht, um seinem Opfer nachzustellen, es aus der Herde zu locken, ihm Nahe zu kommen und seinen Widerstand zu brechen, so erfindet der Psychopath alle Arten von durchdachten Tarnungen aus Worten und Formalitäten – die in Wirklichkeit Lügen und Manipulationen sind – um seine Opfer zu ‚assimilieren‘.
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Das führt uns zu einer wichtigen Frage: Was erhält der Psychopath wirklich von seinem Opfer? Das ist leicht zu beantworten, wenn sie lügen und manipulieren, um mehr Geld oder materielle Güter oder Macht zu erlangen. Doch in vielen Fällen, wie zum Beispiel in Beziehungen oder falschen Freundschaften, ist es sehr schwierig zu erkennen, wonach der Psychopath aus ist. Ohne spirituelle Spekulationen hier zu weit zu strapazieren – ein Problem, mit dem auch Cleckley konfrontiert war – können wir feststellen, dass es der Psychopath offenbar genießt, wenn er sieht, wie Andere leiden. So wie ein normaler Mensch sich daran erfreut, wenn sich andere Menschen freuen oder er Anderen ein Lächeln bereiten kann, erfreut sich der Psychopath an genau dem Gegenteil.
 
Wir sollten daher unsere Überlegungen über Psychopathen nochmals überdenken. Wir wissen zumindest Eines: Viele Menschen, die mit Psychopathen und Narzissmus zu tun hatten berichten, dass sie sich danach „ausgelaugt“ und verwirrt fühlten. Oft war dies mit einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes verbunden. Ist das die Antwort auf die Frage, warum Psychopathen häufig ‚Liebesbeziehungen‘ und ‚Freundschaften‘ eingehen, die keinen beobachtbaren materiellen Vorteil für sie zu haben scheinen? Geht es in Wirklichkeit vielleicht darum, die ‚Energie‘ des Anderen zu konsumieren?
 
Wir kennen die Antwort auf diese Frage nicht. Wir beobachten, wir theoretisieren, spekulieren und stellen Hypothesen auf. Doch letztendlich kann nur das jeweilige Opfer bestimmen, was es bei einer solchen Dynamik verloren hat – und das ist oft weit mehr als nur materielles Gut. Auf eine gewisse Weise scheint es, dass Psychopathen Seelenfresser sind – Psychophagen.
Psychopathen sehen jeden sozialen Austausch als ‚Fütterungsgelegenheit‘ an; ein Wettbewerb, bzw. Herausforderung seines Willens, in dem es nur einen Gewinner geben kann. Ihre Motive sind Manipulation und Übernahme, schonungslos und ohne Reue. [Dr. Robert Hare]

[…] „Ich wende mich an deinen analytischen Verstand“, sagte Don Juan. „Denk einen Augenblick nach und sag mir, wie du den Widerspruch zwischen der Intelligenz des Menschen als Techniker und der Dummheit des Systems seiner Überzeugungen erklärst oder der Dummheit seines widersprüchlichen Verhaltens. Die Zauberer glauben, dass die Räuber uns das System unserer Überzeugungen, unsere Vorstellung von Gut und Böse, unsere gesellschaftlichen Sitten gegeben haben. Sie bringen unsere Hoffnungen und Erwartungen hervor und unsere Träume von Erfolg oder Versagen. Von ihnen stammen Verlangen, Gier und Feigheit. Die Raubwesen sind es, die uns zufrieden und egoistisch und zu Gewohnheitstieren machen.“

[…] „Um uns gehorsam, demütig und schwach zu halten, haben die räuberischen Wesen zu einem ungeheuerlichen Manöver gegriffen – ungeheuerlich natürlich vom Standpunkt eines Kampfstrategen. Und es ist ein schreckliches Manöver vom Standpunkt derer, die darunter leiden. Sie haben uns ihr Bewusstsein gegeben! Verstehst du? Die Räuber geben uns ihr Bewusstsein, das unser Bewusstsein wird. Ihr Bewusstsein ist verschlungen, widersprüchlich, verdrießlich und von der Angst erfüllt, jederzeit entdeckt zu werden. […] Durch das Bewusstsein, das schließlich ihr Bewusstsein ist, lassen die Raubwesen in das Leben der Menschen einfließen, was immer vorteilhaft für sie selbst ist.“

[Carlos Castaneda in Das Wirken der Unendlichkeit]
 
Dasselbe Problem wurde auch von Georges Gurdjieff überzeichnet:

„In der derzeitigen Situation der Menschheit gibt es nichts, was auf eine fortschreitende Evolution hinweist. Wenn wir die Menschheit mit einem Menschen vergleichen, sehen wir wir klar das Wachstum von Personalität auf Kosten der Essenz, das heißt, ein Wachstum des Künstlichen, des Unwirklichen und des Fremden auf Kosten des Natürlichen, des Realen, und dessen, was das Eigentum ist.“

„Gleichzeitig sehen wir ein Wachstum des Automatismus.“

„Gegenwärtige Kulturen erfordern Automation. […] Eines ist sicher, die Sklaverei der Menschen wächst und wächst. Der Mensch wird ein williger Sklave. Er braucht keine Ketten mehr. Er gewöhnt sich an seine Sklaverei, ist auf sie stolz. Und das ist das allerschlimmste, was einem Menschen passieren kann.

[Gurdjieff]

 
 

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